Anja Mittag gehört zu den prägendsten Figuren des deutschen Frauenfußballs. Als Torjägerin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin hat sie Geschichte geschrieben. Heute gibt sie ihr Wissen als Trainerin weiter.
Die Anfänge in Chemnitz
Am 16. Juni 1985 erblickte Anja Mittag in Karl-Marx-Stadt – dem heutigen Chemnitz – das Licht der Welt. Die Stadt in Sachsen, damals noch Teil der DDR, sollte nur wenige Jahre später wiedervereinigt werden. In dieser Zeit des Umbruchs wuchs eine zukünftige Fußballlegende heran.
Schon früh zeigte sich ihre Leidenschaft für den Ball. Während andere Mädchen mit Puppen spielten, dribbelte Anja über den Bolzplatz. Der Osten Deutschlands hatte nach der Wende mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen, doch der Sport bot Perspektiven – und Träume.
Der Weg zum Profi
Mit 15 Jahren wechselte Mittag zum 1. FFC Turbine Potsdam – einem Verein, der den deutschen Frauenfußball über Jahre dominieren sollte. In Potsdam fand sie nicht nur einen Klub, sondern eine Familie. Die Trainingsmethoden waren hart, die Erwartungen hoch. Doch genau das brauchte sie.
2004 feierte sie ihr Debüt in der Nationalmannschaft. Es war der Beginn einer unglaublichen Reise. Silvia Neid, damals noch Co-Trainerin, erkannte sofort das Potenzial der jungen Stürmerin aus Sachsen.
Der große Durchbruch: WM 2007
China, September 2007. Die Weltmeisterschaft der Frauen. Deutschland marschierte durch das Turnier wie ein heißes Messer durch Butter. Anja Mittag stand im Kader, erlebte jeden Moment hautnah mit. Das Finale gegen Brasilien endete 2:0 – Weltmeister!
Für viele Spielerinnen wäre das der Höhepunkt gewesen. Für Mittag war es erst der Anfang. Sie hatte Blut geleckt, wollte mehr. Die Goldmedaille um den Hals bewies ihr: Mit hartem Training und absolutem Fokus ist alles möglich.
Europas beste Torschützin
Die UEFA Women's Champions League wurde zu ihrem Wohnzimmer. Tor um Tor netzte sie ein, zunächst für Potsdam, später für Rosengård in Schweden und Paris Saint-Germain. Am Ende ihrer Karriere stand ein Rekord: 51 Tore – beste Torschützin der Champions-League-Geschichte.
Dieser Rekord sagt mehr aus als jede Statistik. Er zeigt Konstanz über Jahre hinweg, die Fähigkeit, in den wichtigsten Spielen zu liefern. Während andere in Finals nervös wurden, blühte Mittag auf.
Olympisches Gold in Rio
2016, Rio de Janeiro. Die Olympischen Spiele. Deutschland hatte lange auf diesen Moment gewartet. Im Finale gegen Schweden stand es 1:1 nach regulärer Spielzeit. Die Verlängerung brachte keine Entscheidung. Elfmeterschießen.
Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Doch Deutschland behielt die Oberhand. Gold! Für Mittag war es der krönende Abschluss ihrer Karriere in der Nationalmannschaft. 31 Jahre alt, Olympiasiegerin. Manche brauchen ein ganzes Leben für solche Momente.
Drei Europameisterschaften
Bei Europameisterschaften war Mittag nicht zu stoppen. 2005 in England, 2009 in Finnland, 2013 in Schweden – dreimal Gold. Die deutsche Mannschaft dominierte Europa, und Mittag war mittendrin.
Jedes Turnier hatte seine eigene Geschichte. 2005 war sie noch jung und hungrig. 2009 bereits etabliert und torgefährlich. 2013 eine Führungsspielerin, an der sich die Jüngeren orientierten.
Stationen einer Karriere
Turbine Potsdam
Ihre Heimat. 6x Deutsche Meisterin, 2x Champions-League- Siegerin. Hier wurde sie zur Weltklassespielerin.
Rosengård
Der Schritt nach Schweden. Neue Liga, neue Herausforderung. Und wieder: Tore am Fließband.
Paris Saint-Germain
Die Weltmetropole rief. PSG investierte groß in den Frauenfußball – Mittag war Teil des Projekts.
Rosengård
Rückkehr nach Schweden. Das letzte Kapitel als aktive Spielerin – und ein würdiger Abschluss.
Das Leben nach dem Spielfeld
2018 beendete Anja Mittag ihre aktive Karriere. Doch Stillstand kam nicht in Frage. Sie absolvierte die UEFA-A-Lizenz und begann ihre Trainerkarriere bei RB Leipzig. Die Rollen hatten sich gewandelt: Vom Torjäger zur Taktikerin.
Bei Leipzig arbeitet sie mit jungen Spielerinnen, gibt weiter, was sie in 20 Jahren Profifußball gelernt hat. Die Geduld eines Trainers unterscheidet sich von der Ungeduld einer Stürmerin – doch Mittag meistert auch diese Herausforderung.
Vermächtnis
Was bleibt? Mehr als Statistiken. Anja Mittag hat einer ganzen Generation gezeigt, dass Mädchen aus dem Osten Deutschlands Weltmeisterinnen werden können. Sie hat den Frauenfußball sichtbarer gemacht, in einer Zeit, als Frauenspiele noch in leeren Stadien stattfanden.
Heute füllen sich die Ränge. Die Frauen-Bundesliga wächst. Und irgendwo in Chemnitz träumt vielleicht gerade ein kleines Mädchen davon, die nächste Anja Mittag zu werden.